Tagebuch 03. September

Trotzdem: ich musste noch fast ein Jahr warten, um endlich die nötigen Urlaubstage zusammenzukratzen, die man für eine solche Weitwandertour braucht. Im August 2005 ging es endlich los. Im Nachhinein betrachtet kann ich richtig froh sein, nicht Hape Kerkeling begegnet zu sein, aber dazu komme ich noch später.

Nachdem ich meinen kleinen Rucksack bereits im normalen Urlaub ausprobiert hatte und über den Winter die Wanderschuhe eingelaufen habe, traute ich mir tatsächlich den Jakobsweg zu und bestellte meinen Pilgerpass bei der Jakobusgesellschaft in Würzburg. Sehr erfreut war ich über das umfangreiche Informationsmaterial, welches dem Ausweis beilag und so langsam bekam ich Reisefieber. Ich grub in etlichen Nächten das Internet nach sämtlichen Informationen zum Thema Jakobsweg um und las etliche Stunden die Reiseberichte, schaute mir die Fotos von anderen an und fühlte mich gut vorbereitet. An den Wochenenden unternahm ich Wanderungen über etliche Kilometer und mehrere Stunden, holte mein Fahrrad und meine Skater aus dem Keller und bereitete mich sportlich so gut ich konnte vor. Gegen meine Sonnenallergie schluckte ich Calziumtabletten. Damals hatte ich noch kein Navigationsgerät, meine Reiseroute malte ich auf eine Landkarte von Lidl. Die Karte war super ausführlich, weil sie damals als Werbemittel für den Supermarkt diente, um anzuzeigen in welchen Dörfern der Discounter zu finden war, deshalb war fast jedes Dorf in der Kartenlandschaft verzeichnet. Ich druckte mir die Reiseroute im Internet aus und setzte mich an meinem ersten Urlaubstag ins Auto. Während meiner jahrelangen Recherche hatte ich natürlich auch das Buch von Paulo Cuelho gelesen, der Schriftsteller ist ca. 10 Jahre vor mir am Somportpass gestartet und berichtete von einem Parkplatz dort. Deshalb entschied ich mich für den Camino Aragonés, diese Alternativroute beginnt an der französisch-spanischen Grenze und hat sogar heute noch einen Parkplatz. Mit meinem heutigen Wissen würde ich natürlich andere Anreisewege wählen. Egal ob Zug, Bus oder Bahn zum Startpunkt St.-Jean-Pied-de-Port, jede Variante ist besser als das Auto, es sei denn man hat einen Hund dabei.

Tagebuch 02. September

Nach all dem hin und her wollte ich nun selbst auch auf den Jakobsweg und nicht nur andere, die wollten, daß ich den Jakobsweg gehe. Wohl bemerkt: Die anderen meinten, mir würde dieser Fußmarsch guttun, selbst haben sie noch nie eine Mehrtageswanderung in der Größenordnung unternommen. Trotz allem ließ ich mich anstecken, mein letztes Gegenargument, ich sei nicht katholisch und wüßte auch nicht, wo der Pilgerpass zu beziehen sei, wurde schnell durch das Internet widerlegt. Die Stichwortsuche „Pilgerpass“ in einer der Suchmaschinen spuckte etliche Bezugsmöglichkeiten und Jakobusvereinigungen aus. Dennoch: Aus den 16 Vereinen wählte ich die in Würzburg aus, dort reichte für den Bezug des Pilgerpasses damals schon eine email. Ich mußte mir also keinen Pastor suchen, um mir irgend ein Bestätigungsschreiben  ausstellen zu lassen, welches ich dort hin schicken sollte.  Die Würzburger waren viel einfacher: eine einfache email und eine Überweisung reichte. Der Betrag in der Überweisung war so lächerlich klein, daß es sich kaum lohnte, das Formular auszufüllen. Deshalb bestellte ich gleich die Jakobsmuschel und einen Aufnäher mit.

Im Grunde genommen begann im Sommer 2003 meine eigentliche Vorbereitungszeit auf den Jakobsweg, allerdings war ich bereits seit fünf Jahren mit dem Gedanken im Kopf unterwegs, so langsam wurde ich ungeduldig und wollte endlich los.

Tagebuch 01. September

Trotz aller Gedanken und dem festen Willen, den Jakobsweg gehen zu wollen, habe ich mich immer noch nicht auf die Socken gemacht und das Vorhaben immer weiter und weiter nach hinten geschoben. Doch dann lernte ich jemanden kennen, der vor seinen Freunden damit prahlte: „Sie will den Jakobsweg gehen!

Damals setzte ich mich gerade mit dem Thema „Wünsche“ auseinander und ich wußte genau, was man sich wünscht könnte auch in Erfüllung gehen und ich wußte ebenfalls, dass man vorsichtig mit seinen Wünschen umgehen muss, denn diese könnten tatsächlich in Erfüllung gehen. Ich wünschte mir seit Jahren, den Mut und die Kraft aufzubringen, den Jakobsweg gehen zu können, da ich bereits ziemlich gut Spanisch konnte, war die Sprache für mich die geringste Hemmschwelle, viel mehr drängte es mich förmlich nach Spanien, denn ich wollte endlich mal so richtig meine schwer erworbenen Sprachkenntnisse anwenden. Schon zu Schulzeiten war ich stinksauer, daß ich mich stundenlang mit Englisch und Französisch auseinander setzen musste und nie aus meinem stinklangweiligen Heimatdorf rausdurfte, welches jeden Sommer gewaltig nach Gülle aus der einen Windrichtung und nach Schweinestall aus der anderen Windrichtung roch. Auf Klassenfahrt durften wir auch nicht, unsere Lehrer waren einfach zu faul. Und Urlaub? Was ist das denn, das war offensichtlich für unsere Eltern eine grausame Vorstellung.

So war der Jakobsweg endlich mal eine Reise, die ich ganz alleine eigenverantwortlich machen durfte, vorher hat entweder immer das Geld gefehlt oder irgendetwas anderes hat nicht gepasst. Zuhause angebunden und festgekettet durch Familie und andere innere Hemmschwellen musste ich erst 30 Jahre werden, um endlich mal ins Ausland zu kommen. Mich ärgern noch heute Leute, die behaupten, jeder könne den Jakobsweg gehen. Diese Aussagen sind völliger Blödsinn und sollten auf keinen Fall ernst genommen werden! Menschen, die solche Dinge sagen, machen die wichtigsten Dinge und Entscheidungen unbewußt, der Jakobsweg bringt aber gerade die Dinge, die im Unsichtbaren verborgen liegen, an die Oberfläche und macht sie sichtbar. Ein Weitwanderweg bietet die Möglichkeit, bewußt an seine persönlichen Charakterschwächen heranzugehen, da ein Weitwanderer tagelang seinen eigenen Gedanken ausgesetzt ist. Das kann nicht jeder, läßt sich aber sehr leicht auf dem Jakobsweg lernen, wahrscheinlich aber auch durch etliche andere Möglichkeiten. Allerdings sollte man schon mit einem mentalen Zusammenbruch rechnen und sich darauf vorbereiten.

Den Fehler habe ich glücklicherweise an meinem Sohn nicht gemacht: Die Freiheit ohne Grenzen beginnt im Kopf, und so durfte er seinen ersten Auslandsaufenthalt mit 15 Jahren in Spanien machen. Diese grenzenlose Freiheit spiegelt sich heute in seinem gesamten Lebensstil wider, ich musste mir diese Freiheit erst erkämpfen, und das gehörte auch zur Vorbereitung auf den Jakobsweg.

Diese Freiheit hat sich inzwischen auf andere Bereiche übertragen. Sich diese Freiheit zu nehmen benötigt eine ganze Menge Selbstvertrauen, Mut und Zuversicht, insbesondere in die Zukunft und auch mal schwierige Situationen meistern zu können.

Tagebuch 31. August

Immer wieder werden wir gefragt: Warum pilgert ihr? Warum geht ihr zu Fuß? Was soll das ganze? Wozu haben wir die Autos erfunden? Wie hat der Pilgerweg dein Leben verändert?

Für mich kann ich nur sagen, der Jakobsweg hat mein ganzes Leben verändert.

Die ganze Story beginnt eigentlich vor über 20 Jahren, als ich das erste mal vom Jakobsweg gehört hatte. Damals hatte ich Spanisch-Unterricht und übersetzte einen Artikel vom Camino de Santiago. Seitdem geisterte dieser Weitwanderweg immer mal wieder durch meine Gehirnzellen und so kam es, daß ich eines Tages an einem Weihnachtsabend im Kreis der Familie davon erzählte. Da meine Familienmitglieder nie so genau wußten, was ich zu Geburtstagen oder Weihnachten so an Geschenken gebrauchen könnte, waren alle dankbar, mir den Jakobsweg einreden zu können, damit der Rucksack und er Reiseführer vom Conrad-Stein-Verlag auf dem nächsten Gabentisch landen konnte. Jetzt, etwa 20 Jahre später kann ich nur sagen, das war der beste Rucksack, den ich je gehabt habe. Leider ist er inzwischen so zerfleddert und durch zahlrreiche Kilometer geschunden, daß ich inzwischen mehrere andere gekauft habe. Kein anderer Rucksack hat je wieder das Fassungsvolumen mit dem geringen Gewicht gehabt. Ich werde nach wie vor weiter auf der Suche sein, um einen derartigen Rucksack noch mal auftreiben zu können. Der alte Rucksack hat ein Fassungsvolumen von 28 Litern, hat zwei Aussentaschen für große 1,5 Liter Wasserflaschen, lässt sich von oben und unten öffnen und hat oben noch ein kleines Fach für die wichtigsten Utensilien. Auf das Argument hin, der Rucksack sei mit 28 Litern viel zu klein, antwortete der Verkäufer: „Zu kleine Rucksäcke auf dem Jakobsweg gibt es nicht, außerdem packen Frauen sonst viel zu viel ein. Auf dem Jakobsweg braucht man fast nichts, ausser sich selbst.“ Wie recht hat er gehabt, die Aussage hat sich immer wieder in den letzten Jahren bestätigt.

Inzwischen habe ich den gleichen Rucksack wieder gefunden, nur hat der neue Rucksack ca. 60 Liter und ist natürlich völlig überdimensioniert für den Jakobsweg in Spanien. Für andere Wegstrecken ist er allerdings sehr praktisch und oben auf dem Foto abgebildet. Mein kleiner alter Rucksack hat ausserdem die ideale Länge zu meinem Rücken, ist sehr schmal und ist daher super praktisch, um in engen Gassen oder Zugabteilen sich durchschlängeln zu können.

Obwohl ich bald den Rucksack und den Reiseführer zu Hause hatte, brauchte ich noch mehrere Jahre, um mich wirklich auf die Socken zu machen, zumal mir noch die Schuhe fehlten. Meine ersten Wanderschuhe sind mir dann im Sonderangebot zugeflogen, außerdem konnte ich dort einen Gutschein von  Arbeitskollegen einlösen. Der Verkäufer hat mich allerdings gewarnt: Das Sonderangebot gilt nur für DIESE Wanderschuhe, aber eigentlich brauchen Sie eine Nummer größer. Da ich nicht auf den Verkäufer gehört hatte, waren die Schuhe tatsächlich für Weitwanderwege unbrauchbar, nach den ersten zwei Kilometern hatte ich schon die dicksten Blasen. So kam es, daß das Projekt Jakobsweg erst einmal für Jahre im hintersten Gehirnstübchen verschwand.  Oder besser ausgedrückt, zu Fuß gehen kam für mich überhaupt nicht in Betracht, ich konnte kaum mehr als FÜNF Kilometer am Stück spazieren gehen, an einen Weitwanderweg war gar nicht zu denken. Ein Jahr später löste ich dann einen weiteren Gutschein der Arbeitskollegen im gleichen Outdoorladen ein, dieses mal für Satteltaschen für das Fahrrad. Im Sonderangebot ist mir dann wieder irgendwo ein Reiseführer für Jakobsweg mit dem Rad zugeflogen.

Die Lektüre des Reiseführers war ernüchternd. Die ersten Seiten bestanden aus Warnungen jeglicher Art: Helmpflicht in Spanien, unterschiedliche Ventile in den Reifen, kiloweise Reparaturwerkzeug – damals  konnte ich noch nicht einmal einen Fahrradschlauch flicken. Also machte ich erst einmal einen Fahrradreparaturkurs für Frauen. Dort lernte ich allerlei wichtige Dinge über Fahrräder, nur leider nicht das wichtigste: Wer eine Fahrradschaltung auseinanderbaut, diese nicht unbedingt auf einer grünen Sommerwiese auseinanderbauen. Die kleinen Einzelteile verschwinden viel zu schnell zwischen den grünen Grashalmen auf der grünen Wiese und sind nicht wieder aufzufinden. Eine der ersten Aktionen nach diesem Wochenendkurs war dann, das Fahrrad kaputt zu reparieren. Das Mountainbike wäre sicherlich das beste Fahrrad aus meiner Fahrradsammlung für die spanische Strecke vom Jakobsweg gewesen, allerdings  hat das Rad mit seinen 18 Kilos auch ein stattliches Gewicht. In meinem Reiseführer stand, dass Radfahrer häufig erst ihr Gepäck und dann das Rad den Berg raufschleppen. Diese Ankündigung hat sich dann später bestätigt, ich habe dann auf meinem ersten Camino etliche Fahrradfahrer zu Fuß überholt. Nur die jungen spanischen Abiturienten, die die Strecke in einer Woche abfahren und kaum Gepäck bei sich haben, schaffen dort sportliche Höchstleistungen. Wir norddeutschen Flachlandtiroler sind die spanische Hitze nicht gewohnt und brechen schon beim Gedanken an 38 Grad im Schatten in Schweiß aus, an Fahrradfahren bei den Temperaturen ist überhaupt nicht zu denken, schon gar nicht mit Fahrradhelm. Also kehrte ich Jahre später zumindest schon mal in Gedanken auf die Wandertour Jakobsweg zurück, denn in meinen Gedanken wurde der Jakobsweg mit dem Fahrrad zu einem unmöglichen Unternehmen.

Durch einen guten Freund lernte ich, dass meine Fußgängerprobleme an meinem Schuhwerk lagen. Ich bekam einen Katalog von einem Versandhandel für Outdoor-Sachen in die Hände, dort waren die Wanderschuhe gleich nur halb so teuer. So wagte ich ein weiteres mal, mir Wanderschuhe zu kaufen, dieses mal eine Nummer größer, in extra weit. Die Variante extra weit stellte sich dann aber später als Fehler raus. Aber vorerst hatte ich mir einen Winter Zeit genommen, die Schuhe auszuprobieren und einzulaufen. Zumindest zu Hause hatte ich nun keine Blasen mehr und konnte locker 10 bis 15 Kilometer zu Fuß gehen, vorher wurde ein Stadtbummel immer mit müden Füßen bestraft, nun war das gar kein Problem mehr.

Die erste und wichtigste Erkenntnis, die ich gelernt habe ist, daß ich meine Füße benutzen kann um hunderte Kilometer zu Fuß zu gehen. Zumindest angesichts der Entfernungen habe ich seitdem keine Einschränkungen mehr in meinem Kopf. Auch die 42 Grad Hitze in der Mittagssonne habe ich problemlos überstanden und konnte dabei sogar wandern ohne innerlich zu kochen.

zweite Wanderwoche Voie de la St. Mathieu in der Bretagne

Unsere Truppe ist gleich zu Beginn der zweiten Wanderwoche stark geschrumpft und so sind wir zu zweit weiter Richtung Vannes gelaufen. Schnell haben wir unser gewohntes Tempo wieder gefunden und wurden zu einem eingespielten Team. Allerdings hatte ich kürzlich das Rauchen aufgegeben, benötigte so viel weniger Pausen und konnte auch auf etliche gefüllte Kaffeetassen in Cafés und Bars verzichten. Wir hatten das diesjährige Ende der Strecke in Vannes geplant, allerdings blieb uns noch zuviel Zeit in der Bretagne am Ende des Urlaubs übrig. Eigentlich hatten wir vor, unser Zelt irgendwo an der Küste am Strand aufzustellen, jedoch fehlten mir inzwischen vernünftige Zeltheringe, denn meine hatten versehentlich die Heimreise angetreten. So blieb uns nur eine Sight-Seeing-Tour in und um Vannes, die uns gar nicht gut getan hat. Schnell ist das positive Pilgergefühl wieder verschwunden gewesen, denn unsere Ansprüche an Urlaubstage sind außerhalb des Pilgerlebens dann doch viel zu unterschiedlich.
Ich habe es genossen, am Ende der Pilgertour wieder in das zivilisierte Leben einzutauchen, durch einen Supermarkt zu schlendern, einen Schaufensterbummel zu genießen, in Bücherreien nach interessanten französischen Büchern zu stöbern, mir einfach mal die Sonne auf den Bauch scheinen zu lassen – leider war mir das nicht wirklich vergönnt. 

Daher habe ich beschlossen: Pilgern kann man mit mehreren, Urlaub macht man besser alleine oder in einer Gesellschaft, die entsprechende Abweichungen akzeptiert. 

 

Nachdem unsere Truppe schmerzhaft um zwei Pilgerfreunde geschrumpft ist, sind wir zu zweit weiter gewandert. Schnell und routiniert sind wir in unser seit Jahren erprobtes Tempo gefallen und haben unseren Rhythmus gefunden, nur leider war der Jakobsweg nicht so gut ausgeschildert, wie wir es die ersten Tage gewohnt waren. Der GR34 fehlte hier, etliche Wegweiser fehlten und einige waren auch sehr zweideutig.

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