Tagebuch – Sucht

Sucht und Gewohnheit läßt sich für mich nur schwer voneinander trennen. Jahrelang dachte ich, ich wäre süchtig nach Zigaretten und rauchte täglich über 30 Jahre. Dann stellte sich heraus, es war keine Sucht sondern die ständig wiederkehrende Routine nach ca. einer Stunde eine Pause von den banalen Alltagsdingen eine Pause zu machen und gemütlich an einer Zigarette zu nuckeln und sonst nichts wichtiges zu tun oder zu denken. Dazu kam der gräßliche Geschmack im Mund und der Nikotinspiegel im Blut. Ich hatte keine Wahl mehr: entweder die ständig kratzende Luftröhre im Hals zu ertragen oder endlich den Glimmstengel wegzulassen. Dann kam mir der Zufall zur Hilfe. Es ist mir gelungen, die Sucht nach der Zigarette durch eine andere wesentlich gesündere Sucht auszutauschen. Lustigerweise ist nicht nur mein Zigarettenkonsum gänzlich zurückgegangen, auch mein Kaffeeverbrauch ist deutlich gesunken. Stattdessen trinke ich jetzt Gesundheitstees. Der Wegfall des Nikotins hat verursacht, daß ich besser schlafe und schon morgens vor dem Wecker wach werde. Jetzt habe ich morgens zwei Stunden für mich ganz alleine – und zwar vor der Arbeit. Dadurch habe ich Gelegenheit, die Wohnung anständig zu lüften, mich ein wenig mit Yoga zu beschäftigen, Nachrichten zu lesen und im Bett etwas Radio zu hören. Der Tag fängt deutlich entspannter an, über die aktuellen Tagesthemen bin ich besser im Bilde und meine Figur ist auch besser geworden.

Die stündliche Routine an der Zigarette zu nuckeln habe ich ausgetauscht durch kleine nutzlose Besorgungsgänge im Büro, dann wird mal außer der Reihe die Spülmaschine ausgeräumt oder die Blumen bekommen einmal öfters Wasser. Zu Hause habe ich mir vorgenommen, jeden Tag ein nutzloses Teil auszurangieren und so aufzuräumen und Platz zu schaffen. Zeit ist Mangelware, dadurch habe ich kaum Zeit, an die nicht mehr vorhandenen Zigaretten zu denken. Der große Vorteil der Zigaretten ist, daß jedem bewußt ist, wie ungesund, unnütz und schädlich das Zeugs ist. Daneben gibt es noch Sucht, die nicht so leicht zu erkennen ist. Dadurch ist es noch schwieriger, ein solches Suchtverhalten zu ändern. Daher ist es wichtig, Sucht zu erkennen, zu verändern und einen Richtungswechsel in der Routine vorzunehmen.

Tagebuch – ein Jahr später

Obwohl nach dem ersten Teilabschnitt der Schock saß, zog ich ein Jahr später wieder los und kratzte tatsächlich ganze vier Wochen Urlaub zusammen. Bis dahin war das in meinem Job nie möglich gewesen, über ganze 28 Tage am Stück vom Arbeitsplatz fernzubleiben, aber der Camino hatte inzwischen einen so guten Ruf, daß meine Kolleginnen es zuließen und mich unterstützten. Diese vier Wochen waren dann mein ausführlichstes Caminoerlebnis, gerade diese lange Urlaubszeit sorgte dafür, daß ich nach dem Camino süchtig wurde, allerdings wurden mir diese Zusammenhänge erst vor kurzem klar.

Seitdem bin ich fast jedes Jahr auf irgendeinem Camino, allerdings ohne die Zielsetzung, zwangsläufig in Santiago anzukommen. Für mich sind auf meinen Caminos die Grenzerfahrungen wichtig, die jedesmal auf längeren Strecken auftreten.

  • ich lernte unterwegs absolutes Gottvertrauen, auch wenn mal was schiefgeht,
  • Auf dem Camino-Francés hatte ich die Panikattacke zu verarbeiten, im dreistöckigen Bettenturm in Viana ganz oben übernachten zu müssen, denn ich hatte Angst hinauszufallen,
  • außerdem lernte ich unterwegs, daß unsere Erziehung und alles, was wir im Leben so an Gewohnheiten lernen, absolut unwichtig ist und von anderen völlig anders gesehen wird (wir lernen quasi nichts wichtiges),
  • ein weiteres Jahr später lernte ich nichts nachhaltiges auf dem Camino, denn die Zeit war einfach zu kurz,
  • im Jahr darauf auf der Via Gebennensis lernte ich mit mir alleine klar zu kommen, denn der Weg war noch nicht so voll mit Pilgern wie heute

Insgesamt wurde klar, daß ich den Wunsch hatte etwas in meinem Leben zu verändern, nur hatte ich absolut keine Ahnung, was das war. Erst jetzt, also 15 Jahre später wird mir klar, daß es zwei wesentliche Punkte gibt ,die mich davon abhalten, etwas zu verändern:

Angst, daß mir jemand oder etwas wehtut

und das Festhalten an alten Gewohnheiten

Tagebuch – Die Erkenntnis, dass alles anders ist als geplant

Alexander von Humboldt

Auf meinem ersten Teil vom Camino kam ich nach sieben oder acht Tagen in Puente la Reina an und war schockiert. Überall waren Pilger und mein Wunsch nach einem vegetarischen Pilgermenü wurde belächelt, aber nicht erfüllt. Es gab Haxe und dass nicht zu knapp. Das Pilgerfeeling unter Spaniern war weg, plötzlich liefen überall Deutsche rum und die Herbergen waren 4x so gross.

Irgendwie stellte ich fest, das wär gar nicht mehr meins. Für mich endete meine erste Pilgererfahrung in Puente la Reina, ich setzte mich in den Linienbus von ALSA und fuhr zu meinem Auto. Weil ich noch genügend Zeit hatte, fuhr ich nach Lourdes und beendete dort meinen ersten Pilgerweg.

Das Erlebnis Lourdes war fast noch wichtiger als der eigentliche Pilgerweg. Aus heutiger Sicht war das die beste Entscheidung, denn das prägende Erlebnis möchte ich heute nicht mehr missen, denn dort erfuhr ich, dass mein Glaube an Gott als eine nicht definierbare Macht tatsächlich existiert und wir nur unsere Gedanken und Gefühle richtig lenken müssen, um die Kraft daraus zu schöpfen. Der Camino selbst und diese Pilgerstätte in den Pyrenäen hat für mich die wichtigste Veränderung gebracht: Vertrauen in die Zukunft, egal was passiert. Das gibt mir die Kraft jede Veränderung zu akzeptieren, auch wenn sie mir nicht gefällt.

Mosel-Camino

Der Moselcamino war für uns ein absoluter Traum. Jeden Tag wunderschönes Wetter und die Weintrauben wuchsen uns quasi in den Mund. Wenn uns mal eine Tagesetappe zu lang erschien, konnten wir problemlos mit dem Zug schummeln – ok, das ist nicht so ganz mein Fall, aber vielleicht mache ich den Mosel-Camino irgendwann in meinem Tempo nochmal alleine. Um einen Gesamteindruck von der Strecke zu bekommen hatten wir aber nur eine knappe Woche, die wir uns sehr gut einteilen mussten. Den Moselsteig Vergleich zum Moselsteig konnten wir sehr bald feststellen, denn beide kreuzten sich immer wieder, wir sind mal den einen, dann den anderen Weg gegangen. Die Mosel wird ganz bestimmt eines unserer Lieblingswandergebiete, da die Anreise vergleichsweise kurz ist.

Angekommen in Trier – if you we’re  waiting for a sign this is it
Weintrauben am Moselcamino

 

 

In den Hinweisen zu diesem Jakobsweg steht, daß eine ausreichende Trittsicherheit erforderlich ist, außerdem vernünftiges Schuhwerk.

 

http://www.mosel-camino.de/

http://www.mosel-camino.info/index.html

 

Anschluss an den linksrheinischen Jakobsweg und an den Lahn-Camino in Koblenz

Koblenz-Horchheim bis Waldesch 11,5 km
Waldesch bis Alken 12 km
Alken bis Lasserg 8,2 km
Lasserg bis Treis-Karden 10,1 km
Treis-Karden bis Beilstein 14,1 km
Beilstein bis Bullay 12,6 km
Bullay bis Zell 6,1 km
Zell bis Enkirch 9,7 km
Enkirch bis Traben-Trabach 7,3 km
Traben-Trabach bis Bernkastel-Kues 6,7 km
Bernkastel-Kues bis Maring 6,1 km
Maring bis Monzel 4,2 km
Monzel bis Klausen 7,6 km

Gesamtkilometer 116,2 km, insgesamt 179 km mit dem Teilstück, der mit dem Eifel-Camino zusammen verläuft.

weiter auf dem Eifel-Camino auf der Etappe Wittlich bis Klüsserath – ja, der unten stehende Kommentator hat Recht, Maring liegt nicht am Mosel-Camino, das ist schon der Eifel-Camino Richtung Trier.

Wer noch mehr von der Gegend sehen will und zuviel Zeit hat, kann die Strecke mit dem Mosel-Steig erweitertn. Außerdem gibt es einen neuen Zubringer von Mainz über Bingen bis Trier, der allerdings noch in Arbeit ist. Der Hunsrück Saarsteig liegt ebenfalls in der Region, macht allerdings einen riesigen Bogen, der für Jakobspilger oder Weitwanderer wohl eher nicht in Frage kommt.

Wir haben uns für den goldenen Herbst 2018 den Mosel-Camino ausgesucht.

gps Daten auf google

 

Tagebuch Wünsche abschicken

Mein erster Tag auf dem Jakobsweg war der aufregenste von allen darauffolgenden Wandertagen. Gleich nach ein paar Metern hatte ich einen Abzweig verpasst oder besser ausgedrückt, ich bin dem falschen Wegweiser gefolgt und Richtung GR11 gelaufen, weil ich meinen Reiseführer nicht richtig gelesen hatte. Kurz vor Canchandú führt auf der anderen Straßenseite der GR11 in verlockende Höhen und sieht viel interessanter aus als der Jakobsweg. Mir war zwar bekannt, daß der Jakobsweg mit gelben Pfeilen und der Jakobsmuschel ausgezeichnet ist, ich wußte aber auch, daß die rot-weißen Balken zum GR65 gehören. Nur dass auch andere Weitwanderwege diese rot-weißen Markierungen haben und mitunter in eine andere Richtung führen, sollte einem schon bewußt sein.

Inzwischen haben die französischen Jakobus- und Wandervereine die

  • Weitwanderwege in rot-weißen Streifen,
  • die Jakobswege in Gelb-blauen Streifen und der Jakobsmuschel
  • die Naturlehrpfade in grünen Streifen (sehr selten)
  • und die kurzen Rundwanderwege in gelben Streifen markiert.

Leider sind diese Farbkombinationen nicht länderübergreifend genormt, die rot-weiße Markierung findet sich aber auch in Spanien.  Allerdings wußte ich das alles an meinem ersten Pilgertag gar nicht so genau und verlief mich soweit, daß ich abends keine Herberge oder andere Unterkunft fand.

Am späten Nachmittag bemerkte ich dann endlich, daß ich mich wohl auf dem falschen Weg befand und entschied mich spontan – na dann lauf ich eben den GR11 – ich fand das gar nicht so schlimm, denn ich rechnete mit einem ähnlichen guten öffentlichen Verkehrsnetz wie in Deutschland und erwartete ernsthaft eine Bushaltestelle irgendwo unterwegs in einem der Dörfer. Allerdings gab es gar nicht so viele Dörfer, schon gar nicht Bushaltestellen und die Ortschaften waren wenn überhaupt wesentlich kleiner als zu Hause. Sofern man bei einem kleinen Bauernhof von einer Ortschaft sprechen kann. Praktisch war da keine Ortschaft, keine Behausung, kein Bauernhof, kein Dorf, nur Berge, die Vegetation nahm stetig ab und war irgendwann ganz verschwunden. Da endlich begriff ich – das ist völlig abseits meiner Route und führt zu keiner Unterkunft. Abends gegen 19.00 Uhr verlor ich dann auch die Hoffnung, irgendeine Behausung zu sehen, setzte mich an einen Bergabhang und war mit meinen Nerven so ziemlich am Ende.

Kurz vor meiner Abreise von zu Hause hatte ich ein Buch gelesen, in dem stand, daß Wünsche öfters in Erfüllung gehen, als man normalerweise erwartet. Vorausgesetzt die Wünsche schaden niemandem und sind klar definiert. Also stellte ich an meinem Bergabhang meine Wunschliste zusammen: Ich wollte haben:

  • Ein Dach über dem Kopf
  • ein Bach, denn ich hatte inzwischen gewaltigen Durst
  • einen Weg, der mich in ein Dorf führt

Ein paar Minuten sprach ich meine Wünsche klar und deutlich aus, ich definierte sogar den Zeitpunkt; SOFORT!

Dann stand ich vom Boden auf und sah einen Kuhstall, ein Bach und einen Weg, der sich dann später als der GR11 herausstellte und nach Canchandú zurück führte. Ich hätte mir eine Pilgerherberge wünschen sollen, wahrscheinlich hätte ich die dann auch bekommen.

In dem Moment lernte ich: Wünsche gehen tatsächlich in Erfüllung und machte diese Form von Wunschdefinition zu einer normalen Routine in meinem Alltag. Insbesondere im Arbeitsleben hat mir diese Praxis aus etlichen schwierigen Situationen geholfen.

Dieses Jahr, also 13 Jahre nach meinem ersten Camino, wünschte ich mir jemanden an meiner Seite, der mit mir meine zukünftigen Caminos ablaufen würde. Kaum hatte ich diesen Wunsch in meinem Kopf definiert, stellte sich mir jemand direkt in den Weg, mit Wanderschuhen an den Füßen und Jakobsmuschel am Hut. Wenn ich wieder etwas präziser gewesen wäre, hätten wir jetzt nicht so lange Wochenendzugfahrten um uns gegenseitig zu besuchen.

Auf unserem ersten längeren Camino in der Bretagne hatten wir uns auch wieder verlaufen, trotz gps und Handy kann das schon mal passieren.

Schon nachmittags nach 17 Uhr wurden wir schon etwas nervös, den Weg noch wieder zu finden und ich sagte nur, „ich zeig dir mal was der Pilgerbonus ist – wir finden gleich jemanden, der uns zeigt wo der Weg ist“. Also ging ich in einen kleinen Laden – das war der einzige im Umkreis von etlichen Kilometern – fragte höflich mit meinem gebrochenem Französisch nach dem Chemin de Compostelle – und bekam von jemandem, der gerade zur Tür hereinkam und interessiert zuhörte promt Hilfe. Wir sollten ein paar Minuten warten, er holte seine Frau die perfekt englisch sprach und fuhr uns zu der Stelle an der wir den Camino vermuteten. Dort fanden wir allerdings keinen Wegweiser, dafür aber einen Bahnhof, der noch eine intakte Bahnlinie hatte und zum nächsten Etappenziel eine Zugverbindung hatte.

FAZIT : Diese drei Beispiele zeigen, Wünsche gehen in Erfüllung, setzen allerdings etwas Eigeninitiative voraus, wenn sie in Erfüllung gehen sollen. Man muss schon noch drauf reagieren, wenn ein Wunsch in Erfüllung geht und das Geschenk annehmen.

Wenn wir uns etwas wünschen, kommt es neben der positiven Einstellung zu etwaigen Veränderungen auch auf die Definition an. Wir schärfen quasi unseren Blick und unsere Aufmerksamkeit auf die Veränderung. Dazu gehört allerdings auch, ungewollte Veränderungen zu aktzeptieren, die keinesfalls unseren Wünschen entsprechen.

Wer sich wünscht, etwas sei schon in Erfüllung gegangen, kann auch so tun, als wäre die Prophezeiung schon wahr geworden, der Erfolg läßt kaum noch auf sich warten. Das beste Beispiel dafür ist der Jakobsweg selbt, denn der Erfolg des Weges war der Vater des Erfolges und wenn er nicht aufgehalten wird, ist er nicht mehr zu bremsen. Siehe der Eintrag über den Maurentöter und General Franco