Die Erkenntnis, dass alles anders ist als geplant

Alexander von Humboldt

Auf meinem ersten Teil vom Camino kam ich nach sieben oder acht Tagen in Puente la Reina an und war schockiert. Überall waren Pilger und mein Wunsch nach einem vegetarischen Pilgermenü wurde belächelt, aber nicht erfüllt. Es gab Haxe und dass nicht zu knapp. Das Pilgerfeeling unter Spaniern war weg, plötzlich liefen überall Deutsche rum und die Herbergen waren 4x so gross.

Irgendwie stellte ich fest, das wär gar nicht mehr meins. Für mich endete meine erste Pilgererfahrung in Puente la Reina, ich setzte mich in den Linienbus von ALSA und fuhr zu meinem Auto. Weil ich noch genügend Zeit hatte, fuhr ich nach Lourdes und beendete dort meinen ersten Pilgerweg.

Das Erlebnis Lourdes war fast noch wichtiger als der eigentliche Pilgerweg. Aus heutiger Sicht war das die beste Entscheidung, denn das prägende Erlebnis möchte ich heute nicht mehr missen, denn dort erfuhr ich, dass mein Glaube an Gott als eine nicht definierbare Macht tatsächlich existiert und wir nur unsere Gedanken und Gefühle richtig lenken müssen, um die Kraft daraus zu schöpfen. Der Camino selbst und diese Pilgerstätte in den Pyrenäen hat für mich die wichtigste Veränderung gebracht: Vertrauen in die Zukunft, egal was passiert. Das gibt mir die Kraft jede Veränderung zu akzeptieren, auch wenn sie mir nicht gefällt.

Wünsche abschicken

Mein erster Tag auf dem Jakobsweg war der aufregenste von allen darauffolgenden Wandertagen. Gleich nach ein paar Metern hatte ich einen Abzweig verpasst oder besser ausgedrückt, ich bin dem falschen Wegweiser gefolgt und Richtung GR11 gelaufen, weil ich meinen Reiseführer nicht richtig gelesen hatte. Kurz vor Canchandú führt auf der anderen Straßenseite der GR11 in verlockende Höhen und sieht viel interessanter aus als der Jakobsweg. Mir war zwar bekannt, daß der Jakobsweg mit gelben Pfeilen und der Jakobsmuschel ausgezeichnet ist, ich wußte aber auch, daß die rot-weißen Balken zum GR65 gehören. Nur dass auch andere Weitwanderwege diese rot-weißen Markierungen haben und mitunter in eine andere Richtung führen, sollte einem schon bewußt sein.

Inzwischen haben die französischen Jakobus- und Wandervereine die

  • Weitwanderwege in rot-weißen Streifen,
  • die Jakobswege in Gelb-blauen Streifen und der Jakobsmuschel
  • die Naturlehrpfade in grünen Streifen (sehr selten)
  • und die kurzen Rundwanderwege in gelben Streifen markiert.

Leider sind diese Farbkombinationen nicht länderübergreifend genormt, die rot-weiße Markierung findet sich aber auch in Spanien.  Allerdings wußte ich das alles an meinem ersten Pilgertag gar nicht so genau und verlief mich soweit, daß ich abends keine Herberge oder andere Unterkunft fand.

Am späten Nachmittag bemerkte ich dann endlich, daß ich mich wohl auf dem falschen Weg befand und entschied mich spontan – na dann lauf ich eben den GR11 – ich fand das gar nicht so schlimm, denn ich rechnete mit einem ähnlichen guten öffentlichen Verkehrsnetz wie in Deutschland und erwartete ernsthaft eine Bushaltestelle irgendwo unterwegs in einem der Dörfer. Allerdings gab es gar nicht so viele Dörfer, schon gar nicht Bushaltestellen und die Ortschaften waren wenn überhaupt wesentlich kleiner als zu Hause. Sofern man bei einem kleinen Bauernhof von einer Ortschaft sprechen kann. Praktisch war da keine Ortschaft, keine Behausung, kein Bauernhof, kein Dorf, nur Berge, die Vegetation nahm stetig ab und war irgendwann ganz verschwunden. Da endlich begriff ich – das ist völlig abseits meiner Route und führt zu keiner Unterkunft. Abends gegen 19.00 Uhr verlor ich dann auch die Hoffnung, irgendeine Behausung zu sehen, setzte mich an einen Bergabhang und war mit meinen Nerven so ziemlich am Ende.

Kurz vor meiner Abreise von zu Hause hatte ich ein Buch gelesen, in dem stand, daß Wünsche öfters in Erfüllung gehen, als man normalerweise erwartet. Vorausgesetzt die Wünsche schaden niemandem und sind klar definiert. Also stellte ich an meinem Bergabhang meine Wunschliste zusammen: Ich wollte haben:

  • Ein Dach über dem Kopf
  • ein Bach, denn ich hatte inzwischen gewaltigen Durst
  • einen Weg, der mich in ein Dorf führt

Ein paar Minuten sprach ich meine Wünsche klar und deutlich aus, ich definierte sogar den Zeitpunkt; SOFORT!

Dann stand ich vom Boden auf und sah einen Kuhstall, ein Bach und einen Weg, der sich dann später als der GR11 herausstellte und nach Canchandú zurück führte. Ich hätte mir eine Pilgerherberge wünschen sollen, wahrscheinlich hätte ich die dann auch bekommen.

In dem Moment lernte ich: Wünsche gehen tatsächlich in Erfüllung und machte diese Form von Wunschdefinition zu einer normalen Routine in meinem Alltag. Insbesondere im Arbeitsleben hat mir diese Praxis aus etlichen schwierigen Situationen geholfen.

Dieses Jahr, also 13 Jahre nach meinem ersten Camino, wünschte ich mir jemanden an meiner Seite, der mit mir meine zukünftigen Caminos ablaufen würde. Kaum hatte ich diesen Wunsch in meinem Kopf definiert, stellte sich mir jemand direkt in den Weg, mit Wanderschuhen an den Füßen und Jakobsmuschel am Hut. Wenn ich wieder etwas präziser gewesen wäre, hätten wir jetzt nicht so lange Wochenendzugfahrten um uns gegenseitig zu besuchen.

Auf unserem ersten längeren Camino in der Bretagne hatten wir uns auch wieder verlaufen, trotz gps und Handy kann das schon mal passieren.

Schon nachmittags nach 17 Uhr wurden wir schon etwas nervös, den Weg noch wieder zu finden und ich sagte nur, „ich zeig dir mal was der Pilgerbonus ist – wir finden gleich jemanden, der uns zeigt wo der Weg ist“. Also ging ich in einen kleinen Laden – das war der einzige im Umkreis von etlichen Kilometern – fragte höflich mit meinem gebrochenem Französisch nach dem Chemin de Compostelle – und bekam von jemandem, der gerade zur Tür hereinkam und interessiert zuhörte promt Hilfe. Wir sollten ein paar Minuten warten, er holte seine Frau die perfekt englisch sprach und fuhr uns zu der Stelle an der wir den Camino vermuteten. Dort fanden wir allerdings keinen Wegweiser, dafür aber einen Bahnhof, der noch eine intakte Bahnlinie hatte und zum nächsten Etappenziel eine Zugverbindung hatte.

FAZIT : Diese drei Beispiele zeigen, Wünsche gehen in Erfüllung, setzen allerdings etwas Eigeninitiative voraus, wenn sie in Erfüllung gehen sollen. Man muss schon noch drauf reagieren, wenn ein Wunsch in Erfüllung geht und das Geschenk annehmen.

Wenn wir uns etwas wünschen, kommt es neben der positiven Einstellung zu etwaigen Veränderungen auch auf die Definition an. Wir schärfen quasi unseren Blick und unsere Aufmerksamkeit auf die Veränderung. Dazu gehört allerdings auch, ungewollte Veränderungen zu aktzeptieren, die keinesfalls unseren Wünschen entsprechen.

Wer sich wünscht, etwas sei schon in Erfüllung gegangen, kann auch so tun, als wäre die Prophezeiung schon wahr geworden, der Erfolg läßt kaum noch auf sich warten. Das beste Beispiel dafür ist der Jakobsweg selbt, denn der Erfolg des Weges war der Vater des Erfolges und wenn er nicht aufgehalten wird, ist er nicht mehr zu bremsen. Siehe der Eintrag über den Maurentöter und General Franco

Die Entscheidung für den Somport-Pass

Bis zum letzten Moment konnte ich mich nicht entscheiden, an welchem der drei mir bekannten Pyrenäenübergänge ich meinen ersten Jakobsweg starten wollte, zuerst fuhr ich Richtung Bayonne, entschied mich dann aber spontan zum Somport-Pass zu fahren. In Dax wurde ich von einem Volksfest etwas aufgehalten und so bekam ich schon auf der Anreise einen ganz leichten Eindruck, wie auf dem Jakobsweg gefeiert wird. Zumindest dachte ich das, denn ich befand mich ja noch auf französischer Seite.

Mein Reiseführer beschrieb zwei Varianten:

  1. über St. Jean-Pied-de-Port bzw. Roncesvalles
  2. über Somport bzw. Canfranc Estación

Ich entscheid mich am späten Nachmittag dann für den Somportpass, weil ich wußte, daß ich dort einen Parkplatz für mein Auto finden würde. Paulo Coelho hatte sein erstes Buch über den Jakobsweg geschrieben und ist auch am Somportpass gestartet. Seine detaillierte Beschreibung über seine Anreise hatte ich noch im Kopf.

Aber noch wichtiger war der Campingplatz, auf dem ich zufälliger Weise ankam, denn in meinem Reiseführer stand der nicht drin – zehn Jahre später stellten wir enttäuscht fest, daß es den Platz zwischen GR 10 und Jakobsweg GR65.3 nicht mehr gibt. Dort entschied ich für meine zukünftigen Wege ein Zelt mitzunehmen, denn dort waren etliche Wanderer in ihren Wanderzelten mit den Wanderschuhen vor der Zelttür – nur waren diese auf dem GR 10 oder GR11 unterwegs. Wenn ich mal nicht auf spanischem Boden auf der Pilgerautobahn Camino Francés unterwegs sein wollte, denn zu Hause hatte man mich schon gewarnt – der spanische Teil vom Jakobsweg wurde schon vor Jahrzehnten als Pilgerautobahn bezeichnet, wollte ich auch ein solches Zelt dabei haben.

Ich hatte Glück, der Camino Aragonés, der am Somport-Pass startet und von der Via Tolosana kommt ist viel weniger überlaufen wie der Camino Francés. Dadurch hatte ich einen relativ sanften Einstieg auf den ersten 150 Kilometern. In Puente la Reina treffen sich dann beide Routen. Schlagartig waren etliche Pilger und Pilgerinnen jederzeit präsent – für mich war das gar kein pilgern mehr, viel mehr hatte ich meinen ersten Pilgerschock bekommen.

 

Jakobsweg in Beyenburg

vorherige Etappe von Dortmund nach Hohensyburg

Unsere Tagestour auf dem Jakobsweg Richtung Beyenburg hat mich mal wieder überrascht. Die Strecke hinter Dortmund ist jetzt schon hügelig. Dortmund scheint die Grenze zwischen radfahrerfreundlich und fussgängerfreundlich zu sein. Die netten Hügel durch jetzt schon herbstliche Wälder auf Wald- und Schotterwegen sind nach etlichen Teerstrassen auf radfahrfreundlichen Strecken ein totaler Genuss.  Auch die Architektur ist plötzlich völlig anders. In Beyenburg sehen wir überall Schiefer, und hübsch geschmückte Strassen, die wir eigentlich nur vom Maifest kennen.

Aber die grün weissen Fähnchen in Beyenburg haben nix mit Werder Bremen zu tun. Hier findet gerade in diesen Tagen die Ehrung des Schützenkönigs statt, denn hier legen die Dorfbewohner noch Wert auf ländliche Traditionen. Und so hatten wir Gelegenheit, dem örtlichen Spielmannszug zu lauschen und ihm hinterherzulaufen.

In Beyenburg am Stausee fanden wir auch die inzwischen berühmt gewordene kleine Kapelle, die mal ein Stall war und an Das Wunder im Schnee erinnert. Ok,  mit wundersamen Ereignissen wurden wir dieses Jahr 2018 sowiesi

Über Wuppertal haben wir dann unseren Tagesausflug beendet und sind mit dem Zug zurück nach Dortmund gefahren.

Fotos

und am letzten Wochenende sind wir von Beyenburg noch weiter nach Lennep, die Schwebebahn konnte ich mir natürlich nicht entgehen lassen. Leider lassen sich die Fotos nicht speichern.

 

 

 

Tagebuch 04. September

Nach jahrelanger Vorbereitung war ich nun endlich unterwegs zur französisch-spanischen Grenze und navigierte mich mit Hilfe meiner Landkarte durch Europa.

Kurze hinter Münster habe ich einen Handwerker aufgesammelt, der auf der Walz war.  Diese alte Weiterbildung, die seit dem Mittelalter besteht und über die Zünfte organisiert wird hat eine ebenso lange Tradition wie der Jakobskult und wird in den letzten Jahren immer populärer. Heute würde ich natürlich nicht mehr mit dem eigenen Auto zur französisch-spanischen Grenze fahren, Fliegen ist wahrscheinlich billiger, geht schneller, das Auto braucht nicht in der heißen spanischen Sonne brutzeln, eine Umweltsünde ist die Fahrt sowieso und die lange Strecke steht in keinem Verhältnis zur Pilgertour. Dennoch: Mein erstes Erlebnis war der Tramper, denn vorher hatte ich es mir niemals zugetraut, jemanden auf eine solche Strecke mitzunehmen. Auf dem Weg nach Spanien hatte ich gleich zweimal Gesellschaft, denn kurz hinter Paris sammelte ich einen französischen Tramper auf, den ich bis kurz hinter Oloron mitnahm und der mir einen kleinen Platz für mein Zelt im Hof seiner Oma überließ, damit ich nicht die ganze Nacht durchfahren musste. Für mich war das aus heutiger Sicht ganz schön mutig, aber genau dieser Mut gehört zu den Jakobspilgern dazu. Die Welt ist gar nicht so schlecht, wie sie uns immer von den Medien verkauft wird. Die meißten Menschen sind nett, zuvorkommend und hilfsbereit, wenn man ihnen nicht allzu sehr auf die Nerven geht. Seitdem nehme ich immer mal wieder Tramper mit, insbesondere diejenigen, die auf der Walz sind.

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