Über Grenzen gehen

Dieser Blog ist entstanden, als die Flüchtlingswelle über Deutschland rollte und wir Jakobspilger natürlicherweise etwas gegen Grenzen haben, denn diese hindern uns extrem am Vorwärtskommen. In diesem Zusammenhang sind die gpx-Tracks über Ländergrenzen hinweg entstanden. Auch sind bundesweit etliche Initativen gestartet worden, die sich gegen regionale Grenzen stellten, zum Beispiel Grenzen be grenzen, auch weil die fundamentalsten Menschenrechte nicht eingehalten wurden. Wenigstens in Bezug auf die Menschwerdung hat in den letzten Jahren ja einiges getan, zum Beispiel im Artikel 16. Es besteht also noch Hoffnung auf Besserung!

Wir beziehen das Wort „Grenze“ auf die geographische Bedeutung, als auch auf die innerlichen selbstgesteckten Grenzen, Beklemmungen und menschlichen Hindernisse.

Soweit gpx-Tracks vorhanden sind und geographisch darstellen lassen, liegen in den entsprechenden Blogeinträgen die Links. Soweit möglich, stehen auch die gpx-Tracks auf wikiloc. Andere Grenzen sind hier soweit wie möglich beschrieben.

Tagebuch – sich selbst gut behandeln

Wer auf dem Jakobsweg unterwegs gewesen ist, nimmt sich spätestens auf dem Heimweg vor, seinem Körper mehr Beachtung zu schenken – und zwar täglich. Die zahlreichen Blasen und sonstigen Blessuren bleiben noch lange im Gedächtnis haften und das ist auch gut so. Mein Entschluss, mich mehr zu bewegen habe ich tatsächlich im Laufe der Jahre immer mehr umsetzen können. Selbst wenn mal 14 Tage keine sportliche Aktivität in meinen Terminkalender passt, dann kommt zumindest der eine oder andere längere Spaziergang dazwischen. Ansonsten fast jedes Wochenende lange Fahrradtouren oder Wandertouren auf dem Programm.

Ausserdem habe ich mir die Süßigkeiten komplett abgewöhnt und Wasser kann ich jetzt literweise trinken,wenn vorher noch das Geschmackserlebnis vom Essen die höchste Priorität hatte, dann ist jetzt der Punktestand auf der Gesundheitsskala ausschlaggebend. Der Inhalt im Kühlschrank ist übersichtlich und ausschließlich gesund, Konservierungsmittel, Farbstoffe, Glutamat und Zucker haben in meiner Küche kein Platz mehr. Ganz nebenbei stört es mich nicht mehr, wenn ich über einen längeren Zeitraum nichts Essbares in der Nähe habe. Stattdessen gibt es jetzt jede Menge Kräuter, Gewürze, Haferflocken, Trockenobst uns noch mehr gesunde Lebensmittel, die ich vorher noch nichteinmal kannte. Ganz nebenbei habe ich gelernt, daß ein gesundes Essen meißtens wesentlich kostengünstiger ist als nur ein einfacher Gaumenschmauss. Inzwischen ist sogar GESUND UND LECKER bei mir an der Tagesordnung.

Ganz nebenbei habe ich gelernt, daß die Kraft der Gedanken die stärkste Wirkung auf mein Tagesziel hatte, im Wesentlichen haben meine Gedanken bestimmt, wie weit mich meine Füße am Tag tragen konnten. Die Gedanken bestimmen seitdem mein Dasein und selbst die schwierigsten Situationen im Alltag lassen mich nicht mehr ins Trudeln kommen, allerdings habe ich dafür auch mehrere Caminos gebraucht und heute noch lerne ich auf jedem Camino mental noch dazu, genau genommen gehören die Gedanken in die gleiche Kategorie wie die Luft zum Atmen. Wenn ich positive Gedanken habe, fühle ich mich gut, wenn ich negative habe, fühle ich mich schlecht. Ob die Gedanken positiv oder negativ sind lässt sich steuern. Leider, leider gibt es wenig Menschen, die so denken. Heute gehört Jammern zum täglichen Alltag – viel Jammern gehört scheinbar zum Geschäft und zahlt sich aus – am Arbeitsplatz, im Portemonnaie, etc.

Tagebuch – Angst

Angst vor Veränderungen, Angst, daß etwas Unangenehmes oder Unbequemes passiert, Angst vor Schmerzen, Angst vor Verlust – all das hindert mich daran, Änderungen zu riskieren. Trotzdem: No risk, no fun – das ist meine Devise. Der Jakobsweg ist für mich eine seichte Methode, sich unbequemen Dingen zu stellen. Die strenge Tageroutine durch das stundenlange GEHEN hindert mich dann daran, in den täglichen Alltagstrott hineinzufallen und vor den unangenehmen Dingen davonzulaufen. Schließlich bin ich ja den ganzen Tag mit mir alleine auf dem Camino. Deshalb hat ein Camino in Begleitung für mich auch nur die halbe Wirkung. Allerdings laufe ich dann Gefahr, die vorgenommene Strecke nicht durchzuhalten und vorzeitig abzubrechen. Dennoch: Ein Abbruch ist immer noch besser, als gar nicht erst zum Start aufgebrochen zu sein. Außerdem kann eine Gruppe bei  unangenehmen Erkenntnissen auch sehr schädlich sein. Lange Diskussionsrunden über alle möglichen Themen in der Welt habe ich eher nicht auf dem Camino sondern zu Hause am Küchentisch in geselliger Runde unter Freunden.

Meiner Erfahrung nach sind Menschen, mit denen man stundenlang quatschen kann, keine guten Begleiter auf dem Camino, anders rum sind Camino-Freunde eher keine Menschen, mit denen man stundenlange Diskussionsrunden füllen kann.

Tagebuch – loslassen

Beim Thema Sucht hatte ich ja schon erwähnt, Dinge auszurangieren und  Sucht durch aufräumen ersetzen. Das gilt natürlich nicht nur mit den alltäglichen Gegenständen in der Wohnung, im Keller, in der Garage, auf dem Dachboden, in versteckten Nischen und den letzten Winkeln in den Schränken. Das gilt auch für die Gefühle, Gedanken, Empfindungen oder dumme Angewohnheiten.

Ganz besonders trifft uns der Verlust von Menschen, wenn Beziehungen zerbrechen oder Freunde, Verwandte sterben. Unser alltäglicher Dauerlauf im Alltagsstress sorgt dafür, daß wir kaum Zeit finden, uns regelmäßig mit Freunden und Verwandten zu treffen oder auszutauschen und plötzlich finden wir eine Todesanzeige oder eine Nachricht in unserem Postfach. Dummerweise ist es dann zu spät. Freundschaften und Beziehungen brauchen Jahre und wir brauchen immer wiederkehrende Treffen, bis Freundschaften entstehen.

Tagebuch – Sucht

Sucht und Gewohnheit läßt sich für mich nur schwer voneinander trennen. Jahrelang dachte ich, ich wäre süchtig nach Zigaretten und rauchte täglich über 30 Jahre. Dann stellte sich heraus, es war keine Sucht sondern die ständig wiederkehrende Routine nach ca. einer Stunde eine Pause von den banalen Alltagsdingen eine Pause zu machen und gemütlich an einer Zigarette zu nuckeln und sonst nichts wichtiges zu tun oder zu denken. Dazu kam der gräßliche Geschmack im Mund und der Nikotinspiegel im Blut. Ich hatte keine Wahl mehr: entweder die ständig kratzende Luftröhre im Hals zu ertragen oder endlich den Glimmstengel wegzulassen. Dann kam mir der Zufall zur Hilfe. Es ist mir gelungen, die Sucht nach der Zigarette durch eine andere wesentlich gesündere Sucht auszutauschen. Lustigerweise ist nicht nur mein Zigarettenkonsum gänzlich zurückgegangen, auch mein Kaffeeverbrauch ist deutlich gesunken. Stattdessen trinke ich jetzt Gesundheitstees. Der Wegfall des Nikotins hat verursacht, daß ich besser schlafe und schon morgens vor dem Wecker wach werde. Jetzt habe ich morgens zwei Stunden für mich ganz alleine – und zwar vor der Arbeit. Dadurch habe ich Gelegenheit, die Wohnung anständig zu lüften, mich ein wenig mit Yoga zu beschäftigen, Nachrichten zu lesen und im Bett etwas Radio zu hören. Der Tag fängt deutlich entspannter an, über die aktuellen Tagesthemen bin ich besser im Bilde und meine Figur ist auch besser geworden.

Die stündliche Routine an der Zigarette zu nuckeln habe ich ausgetauscht durch kleine nutzlose Besorgungsgänge im Büro, dann wird mal außer der Reihe die Spülmaschine ausgeräumt oder die Blumen bekommen einmal öfters Wasser. Zu Hause habe ich mir vorgenommen, jeden Tag ein nutzloses Teil auszurangieren und so aufzuräumen und Platz zu schaffen. Zeit ist Mangelware, dadurch habe ich kaum Zeit, an die nicht mehr vorhandenen Zigaretten zu denken. Der große Vorteil der Zigaretten ist, daß jedem bewußt ist, wie ungesund, unnütz und schädlich das Zeugs ist. Daneben gibt es noch Sucht, die nicht so leicht zu erkennen ist. Dadurch ist es noch schwieriger, ein solches Suchtverhalten zu ändern. Daher ist es wichtig, Sucht zu erkennen, zu verändern und einen Richtungswechsel in der Routine vorzunehmen.