Tagebuch 01. September Wünsche

Trotz aller Gedanken und dem festen Willen, den Jakobsweg gehen zu wollen, habe ich mich immer noch nicht auf die Socken gemacht und das Vorhaben immer weiter und weiter nach hinten geschoben. Doch dann lernte ich jemanden kennen, der vor seinen Freunden damit prahlte: „Sie will den Jakobsweg gehen!

Damals setzte ich mich gerade mit dem Thema „Wünsche“ auseinander und ich wußte genau, was man sich wünscht könnte auch in Erfüllung gehen und ich wußte ebenfalls, dass man vorsichtig mit seinen Wünschen umgehen muss, denn diese könnten tatsächlich in Erfüllung gehen. Ich wünschte mir seit Jahren, den Mut und die Kraft aufzubringen, den Jakobsweg gehen zu können, da ich bereits ziemlich gut Spanisch konnte, war die Sprache für mich die geringste Hemmschwelle, viel mehr drängte es mich förmlich nach Spanien, denn ich wollte endlich mal so richtig meine schwer erworbenen Sprachkenntnisse anwenden. Schon zu Schulzeiten war ich stinksauer, daß ich mich stundenlang mit Englisch und Französisch auseinander setzen musste und nie aus meinem stinklangweiligen Heimatdorf rausdurfte, welches jeden Sommer gewaltig nach Gülle aus der einen Windrichtung und nach Schweinestall aus der anderen Windrichtung roch. Auf Klassenfahrt durften wir auch nicht, unsere Lehrer waren einfach zu faul. Und Urlaub? Was ist das denn, das war offensichtlich für unsere Eltern eine grausame Vorstellung.

So war der Jakobsweg endlich mal eine Reise, die ich ganz alleine eigenverantwortlich machen durfte, vorher hat entweder immer das Geld gefehlt oder irgendetwas anderes hat nicht gepasst. Zuhause angebunden und festgekettet durch Familie und andere innere Hemmschwellen musste ich erst 30 Jahre werden, um endlich mal ins Ausland zu kommen. Mich ärgern noch heute Leute, die behaupten, jeder könne den Jakobsweg gehen. Diese Aussagen sind völliger Blödsinn und sollten auf keinen Fall ernst genommen werden! Menschen, die solche Dinge sagen, machen die wichtigsten Dinge und Entscheidungen unbewußt, der Jakobsweg bringt aber gerade die Dinge, die im Unsichtbaren verborgen liegen, an die Oberfläche und macht sie sichtbar. Ein Weitwanderweg bietet die Möglichkeit, bewußt an seine persönlichen Charakterschwächen heranzugehen, da ein Weitwanderer tagelang seinen eigenen Gedanken ausgesetzt ist. Das kann nicht jeder, läßt sich aber sehr leicht auf dem Jakobsweg lernen, wahrscheinlich aber auch durch etliche andere Möglichkeiten. Allerdings sollte man schon mit einem mentalen Zusammenbruch rechnen und sich darauf vorbereiten.

Den Fehler habe ich glücklicherweise an meinem Sohn nicht gemacht: Die Freiheit ohne Grenzen beginnt im Kopf, und so durfte er seinen ersten Auslandsaufenthalt mit 15 Jahren in Spanien machen. Diese grenzenlose Freiheit spiegelt sich heute in seinem gesamten Lebensstil wider, ich musste mir diese Freiheit erst erkämpfen, und das gehörte auch zur Vorbereitung auf den Jakobsweg.

Diese Freiheit hat sich inzwischen auf andere Bereiche übertragen. Sich diese Freiheit zu nehmen benötigt eine ganze Menge Selbstvertrauen, Mut und Zuversicht, insbesondere in die Zukunft und auch mal schwierige Situationen meistern zu können.

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