Wünsche abschicken

Mein erster Tag auf dem Jakobsweg war der aufregenste von allen darauffolgenden Wandertagen. Gleich nach ein paar Metern hatte ich einen Abzweig verpasst oder besser ausgedrückt, ich bin dem falschen Wegweiser gefolgt und Richtung GR11 gelaufen, weil ich meinen Reiseführer nicht richtig gelesen hatte. Kurz vor Canchandú führt auf der anderen Straßenseite der GR11 in verlockende Höhen und sieht viel interessanter aus als der Jakobsweg. Mir war zwar bekannt, daß der Jakobsweg mit gelben Pfeilen und der Jakobsmuschel ausgezeichnet ist, ich wußte aber auch, daß die rot-weißen Balken zum GR65 gehören. Nur dass auch andere Weitwanderwege diese rot-weißen Markierungen haben und mitunter in eine andere Richtung führen, sollte einem schon bewußt sein.

Inzwischen haben die französischen Jakobus- und Wandervereine die

  • Weitwanderwege in rot-weißen Streifen,
  • die Jakobswege in Gelb-blauen Streifen und der Jakobsmuschel
  • die Naturlehrpfade in grünen Streifen (sehr selten)
  • und die kurzen Rundwanderwege in gelben Streifen markiert.

Leider sind diese Farbkombinationen nicht länderübergreifend genormt, die rot-weiße Markierung findet sich aber auch in Spanien.  Allerdings wußte ich das alles an meinem ersten Pilgertag gar nicht so genau und verlief mich soweit, daß ich abends keine Herberge oder andere Unterkunft fand.

Am späten Nachmittag bemerkte ich dann endlich, daß ich mich wohl auf dem falschen Weg befand und entschied mich spontan – na dann lauf ich eben den GR11 – ich fand das gar nicht so schlimm, denn ich rechnete mit einem ähnlichen guten öffentlichen Verkehrsnetz wie in Deutschland und erwartete ernsthaft eine Bushaltestelle irgendwo unterwegs in einem der Dörfer. Allerdings gab es gar nicht so viele Dörfer, schon gar nicht Bushaltestellen und die Ortschaften waren wenn überhaupt wesentlich kleiner als zu Hause. Sofern man bei einem kleinen Bauernhof von einer Ortschaft sprechen kann. Praktisch war da keine Ortschaft, keine Behausung, kein Bauernhof, kein Dorf, nur Berge, die Vegetation nahm stetig ab und war irgendwann ganz verschwunden. Da endlich begriff ich – das ist völlig abseits meiner Route und führt zu keiner Unterkunft. Abends gegen 19.00 Uhr verlor ich dann auch die Hoffnung, irgendeine Behausung zu sehen, setzte mich an einen Bergabhang und war mit meinen Nerven so ziemlich am Ende.

Kurz vor meiner Abreise von zu Hause hatte ich ein Buch gelesen, in dem stand, daß Wünsche öfters in Erfüllung gehen, als man normalerweise erwartet. Vorausgesetzt die Wünsche schaden niemandem und sind klar definiert. Also stellte ich an meinem Bergabhang meine Wunschliste zusammen: Ich wollte haben:

  • Ein Dach über dem Kopf
  • ein Bach, denn ich hatte inzwischen gewaltigen Durst
  • einen Weg, der mich in ein Dorf führt

Ein paar Minuten sprach ich meine Wünsche klar und deutlich aus, ich definierte sogar den Zeitpunkt; SOFORT!

Dann stand ich vom Boden auf und sah einen Kuhstall, ein Bach und einen Weg, der sich dann später als der GR11 herausstellte und nach Canchandú zurück führte. Ich hätte mir eine Pilgerherberge wünschen sollen, wahrscheinlich hätte ich die dann auch bekommen.

In dem Moment lernte ich: Wünsche gehen tatsächlich in Erfüllung und machte diese Form von Wunschdefinition zu einer normalen Routine in meinem Alltag. Insbesondere im Arbeitsleben hat mir diese Praxis aus etlichen schwierigen Situationen geholfen.

Dieses Jahr, also 13 Jahre nach meinem ersten Camino, wünschte ich mir jemanden an meiner Seite, der mit mir meine zukünftigen Caminos ablaufen würde. Kaum hatte ich diesen Wunsch in meinem Kopf definiert, stellte sich mir jemand direkt in den Weg, mit Wanderschuhen an den Füßen und Jakobsmuschel am Hut. Wenn ich wieder etwas präziser gewesen wäre, hätten wir jetzt nicht so lange Wochenendzugfahrten um uns gegenseitig zu besuchen.

Auf unserem ersten längeren Camino in der Bretagne hatten wir uns auch wieder verlaufen, trotz gps und Handy kann das schon mal passieren.

Schon nachmittags nach 17 Uhr wurden wir schon etwas nervös, den Weg noch wieder zu finden und ich sagte nur, „ich zeig dir mal was der Pilgerbonus ist – wir finden gleich jemanden, der uns zeigt wo der Weg ist“. Also ging ich in einen kleinen Laden – das war der einzige im Umkreis von etlichen Kilometern – fragte höflich mit meinem gebrochenem Französisch nach dem Chemin de Compostelle – und bekam von jemandem, der gerade zur Tür hereinkam und interessiert zuhörte promt Hilfe. Wir sollten ein paar Minuten warten, er holte seine Frau die perfekt englisch sprach und fuhr uns zu der Stelle an der wir den Camino vermuteten. Dort fanden wir allerdings keinen Wegweiser, dafür aber einen Bahnhof, der noch eine intakte Bahnlinie hatte und zum nächsten Etappenziel eine Zugverbindung hatte.

FAZIT : Diese drei Beispiele zeigen, Wünsche gehen in Erfüllung, setzen allerdings etwas Eigeninitiative voraus, wenn sie in Erfüllung gehen sollen. Man muss schon noch drauf reagieren, wenn ein Wunsch in Erfüllung geht und das Geschenk annehmen.

Wenn wir uns etwas wünschen, kommt es neben der positiven Einstellung zu etwaigen Veränderungen auch auf die Definition an. Wir schärfen quasi unseren Blick und unsere Aufmerksamkeit auf die Veränderung. Dazu gehört allerdings auch, ungewollte Veränderungen zu aktzeptieren, die keinesfalls unseren Wünschen entsprechen.

Wer sich wünscht, etwas sei schon in Erfüllung gegangen, kann auch so tun, als wäre die Prophezeiung schon wahr geworden, der Erfolg läßt kaum noch auf sich warten. Das beste Beispiel dafür ist der Jakobsweg selbt, denn der Erfolg des Weges war der Vater des Erfolges und wenn er nicht aufgehalten wird, ist er nicht mehr zu bremsen. Siehe der Eintrag über den Maurentöter und General Franco

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