Tagebuch – ein Jahr später

Obwohl nach dem ersten Teilabschnitt der Schock saß, zog ich ein Jahr später wieder los und kratzte tatsächlich ganze vier Wochen Urlaub zusammen. Bis dahin war das in meinem Job nie möglich gewesen, über ganze 28 Tage am Stück vom Arbeitsplatz fernzubleiben, aber der Camino hatte inzwischen einen so guten Ruf, daß meine Kolleginnen es zuließen und mich unterstützten. Diese vier Wochen waren dann mein ausführlichstes Caminoerlebnis, gerade diese lange Urlaubszeit sorgte dafür, daß ich nach dem Camino süchtig wurde, allerdings wurden mir diese Zusammenhänge erst vor kurzem klar.

Seitdem bin ich fast jedes Jahr auf irgendeinem Camino, allerdings ohne die Zielsetzung, zwangsläufig in Santiago anzukommen. Für mich sind auf meinen Caminos die Grenzerfahrungen wichtig, die jedesmal auf längeren Strecken auftreten.

  • ich lernte unterwegs absolutes Gottvertrauen, auch wenn mal was schiefgeht,
  • Auf dem Camino-Francés hatte ich die Panikattacke zu verarbeiten, im dreistöckigen Bettenturm in Viana ganz oben übernachten zu müssen, denn ich hatte Angst hinauszufallen,
  • außerdem lernte ich unterwegs, daß unsere Erziehung und alles, was wir im Leben so an Gewohnheiten lernen, absolut unwichtig ist und von anderen völlig anders gesehen wird (wir lernen quasi nichts wichtiges),
  • ein weiteres Jahr später lernte ich nichts nachhaltiges auf dem Camino, denn die Zeit war einfach zu kurz,
  • im Jahr darauf auf der Via Gebennensis lernte ich mit mir alleine klar zu kommen, denn der Weg war noch nicht so voll mit Pilgern wie heute

Insgesamt wurde klar, daß ich den Wunsch hatte etwas in meinem Leben zu verändern, nur hatte ich absolut keine Ahnung, was das war. Erst jetzt, also 15 Jahre später wird mir klar, daß es zwei wesentliche Punkte gibt ,die mich davon abhalten, etwas zu verändern:

Angst, daß mir jemand oder etwas wehtut

und das Festhalten an alten Gewohnheiten

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