Tagebuch 31. August vor dem Camino

Immer wieder werden wir gefragt: Warum pilgert ihr? Warum geht ihr zu Fuß? Was soll das ganze? Wozu haben wir die Autos erfunden? Wie hat der Pilgerweg dein Leben verändert?

Für mich kann ich nur sagen, der Jakobsweg hat mein ganzes Leben verändert.

Die ganze Story beginnt eigentlich vor über 20 Jahren, als ich das erste mal vom Jakobsweg gehört hatte. Damals hatte ich Spanisch-Unterricht und übersetzte einen Artikel vom Camino de Santiago. Seitdem geisterte dieser Weitwanderweg immer mal wieder durch meine Gehirnzellen und so kam es, daß ich eines Tages an einem Weihnachtsabend im Kreis der Familie davon erzählte. Da meine Familienmitglieder nie so genau wußten, was ich zu Geburtstagen oder Weihnachten so an Geschenken gebrauchen könnte, waren alle dankbar, mir den Jakobsweg einreden zu können, damit der Rucksack und er Reiseführer vom Conrad-Stein-Verlag auf dem nächsten Gabentisch landen konnte. Jetzt, etwa 20 Jahre später kann ich nur sagen, das war der beste Rucksack, den ich je gehabt habe. Leider ist er inzwischen so zerfleddert und durch zahlrreiche Kilometer geschunden, daß ich inzwischen mehrere andere gekauft habe. Kein anderer Rucksack hat je wieder das Fassungsvolumen mit dem geringen Gewicht gehabt. Ich werde nach wie vor weiter auf der Suche sein, um einen derartigen Rucksack noch mal auftreiben zu können. Der alte Rucksack hat ein Fassungsvolumen von 28 Litern, hat zwei Aussentaschen für große 1,5 Liter Wasserflaschen, lässt sich von oben und unten öffnen und hat oben noch ein kleines Fach für die wichtigsten Utensilien. Auf das Argument hin, der Rucksack sei mit 28 Litern viel zu klein, antwortete der Verkäufer: „Zu kleine Rucksäcke auf dem Jakobsweg gibt es nicht, außerdem packen Frauen sonst viel zu viel ein. Auf dem Jakobsweg braucht man fast nichts, ausser sich selbst.“ Wie recht hat er gehabt, die Aussage hat sich immer wieder in den letzten Jahren bestätigt.

Inzwischen habe ich den gleichen Rucksack wieder gefunden, nur hat der neue Rucksack ca. 60 Liter und ist natürlich völlig überdimensioniert für den Jakobsweg in Spanien. Für andere Wegstrecken ist er allerdings sehr praktisch und oben auf dem Foto abgebildet. Mein kleiner alter Rucksack hat ausserdem die ideale Länge zu meinem Rücken, ist sehr schmal und ist daher super praktisch, um in engen Gassen oder Zugabteilen sich durchschlängeln zu können.

Obwohl ich bald den Rucksack und den Reiseführer zu Hause hatte, brauchte ich noch mehrere Jahre, um mich wirklich auf die Socken zu machen, zumal mir noch die Schuhe fehlten. Meine ersten Wanderschuhe sind mir dann im Sonderangebot zugeflogen, außerdem konnte ich dort einen Gutschein von  Arbeitskollegen einlösen. Der Verkäufer hat mich allerdings gewarnt: Das Sonderangebot gilt nur für DIESE Wanderschuhe, aber eigentlich brauchen Sie eine Nummer größer. Da ich nicht auf den Verkäufer gehört hatte, waren die Schuhe tatsächlich für Weitwanderwege unbrauchbar, nach den ersten zwei Kilometern hatte ich schon die dicksten Blasen. So kam es, daß das Projekt Jakobsweg erst einmal für Jahre im hintersten Gehirnstübchen verschwand.  Oder besser ausgedrückt, zu Fuß gehen kam für mich überhaupt nicht in Betracht, ich konnte kaum mehr als FÜNF Kilometer am Stück spazieren gehen, an einen Weitwanderweg war gar nicht zu denken. Ein Jahr später löste ich dann einen weiteren Gutschein der Arbeitskollegen im gleichen Outdoorladen ein, dieses mal für Satteltaschen für das Fahrrad. Im Sonderangebot ist mir dann wieder irgendwo ein Reiseführer für Jakobsweg mit dem Rad zugeflogen.

Die Lektüre des Reiseführers war ernüchternd. Die ersten Seiten bestanden aus Warnungen jeglicher Art: Helmpflicht in Spanien, unterschiedliche Ventile in den Reifen, kiloweise Reparaturwerkzeug – damals  konnte ich noch nicht einmal einen Fahrradschlauch flicken. Also machte ich erst einmal einen Fahrradreparaturkurs für Frauen. Dort lernte ich allerlei wichtige Dinge über Fahrräder, nur leider nicht das wichtigste: Wer eine Fahrradschaltung auseinanderbaut, diese nicht unbedingt auf einer grünen Sommerwiese auseinanderbauen. Die kleinen Einzelteile verschwinden viel zu schnell zwischen den grünen Grashalmen auf der grünen Wiese und sind nicht wieder aufzufinden. Eine der ersten Aktionen nach diesem Wochenendkurs war dann, das Fahrrad kaputt zu reparieren. Das Mountainbike wäre sicherlich das beste Fahrrad aus meiner Fahrradsammlung für die spanische Strecke vom Jakobsweg gewesen, allerdings  hat das Rad mit seinen 18 Kilos auch ein stattliches Gewicht. In meinem Reiseführer stand, dass Radfahrer häufig erst ihr Gepäck und dann das Rad den Berg raufschleppen. Diese Ankündigung hat sich dann später bestätigt, ich habe dann auf meinem ersten Camino etliche Fahrradfahrer zu Fuß überholt. Nur die jungen spanischen Abiturienten, die die Strecke in einer Woche abfahren und kaum Gepäck bei sich haben, schaffen dort sportliche Höchstleistungen. Wir norddeutschen Flachlandtiroler sind die spanische Hitze nicht gewohnt und brechen schon beim Gedanken an 38 Grad im Schatten in Schweiß aus, an Fahrradfahren bei den Temperaturen ist überhaupt nicht zu denken, schon gar nicht mit Fahrradhelm. Also kehrte ich Jahre später zumindest schon mal in Gedanken auf die Wandertour Jakobsweg zurück, denn in meinen Gedanken wurde der Jakobsweg mit dem Fahrrad zu einem unmöglichen Unternehmen.

Durch einen guten Freund lernte ich, dass meine Fußgängerprobleme an meinem Schuhwerk lagen. Ich bekam einen Katalog von einem Versandhandel für Outdoor-Sachen in die Hände, dort waren die Wanderschuhe gleich nur halb so teuer. So wagte ich ein weiteres mal, mir Wanderschuhe zu kaufen, dieses mal eine Nummer größer, in extra weit. Die Variante extra weit stellte sich dann aber später als Fehler raus. Aber vorerst hatte ich mir einen Winter Zeit genommen, die Schuhe auszuprobieren und einzulaufen. Zumindest zu Hause hatte ich nun keine Blasen mehr und konnte locker 10 bis 15 Kilometer zu Fuß gehen, vorher wurde ein Stadtbummel immer mit müden Füßen bestraft, nun war das gar kein Problem mehr.

Die erste und wichtigste Erkenntnis, die ich gelernt habe ist, daß ich meine Füße benutzen kann um hunderte Kilometer zu Fuß zu gehen. Zumindest angesichts der Entfernungen habe ich seitdem keine Einschränkungen mehr in meinem Kopf. Auch die 42 Grad Hitze in der Mittagssonne habe ich problemlos überstanden und konnte dabei sogar wandern ohne innerlich zu kochen.

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