Tagebuch – Angst

Angst vor Veränderungen, Angst, daß etwas Unangenehmes oder Unbequemes passiert, Angst vor Schmerzen, Angst vor Verlust – all das hindert mich daran, Änderungen zu riskieren. Trotzdem: No risk, no fun – das ist meine Devise. Der Jakobsweg ist für mich eine seichte Methode, sich unbequemen Dingen zu stellen. Die strenge Tageroutine durch das stundenlange GEHEN hindert mich dann daran, in den täglichen Alltagstrott hineinzufallen und vor den unangenehmen Dingen davonzulaufen. Schließlich bin ich ja den ganzen Tag mit mir alleine auf dem Camino. Deshalb hat ein Camino in Begleitung für mich auch nur die halbe Wirkung. Allerdings laufe ich dann Gefahr, die vorgenommene Strecke nicht durchzuhalten und vorzeitig abzubrechen. Dennoch: Ein Abbruch ist immer noch besser, als gar nicht erst zum Start aufgebrochen zu sein. Außerdem kann eine Gruppe bei  unangenehmen Erkenntnissen auch sehr schädlich sein. Lange Diskussionsrunden über alle möglichen Themen in der Welt habe ich eher nicht auf dem Camino sondern zu Hause am Küchentisch in geselliger Runde unter Freunden.

Meiner Erfahrung nach sind Menschen, mit denen man stundenlang quatschen kann, keine guten Begleiter auf dem Camino, anders rum sind Camino-Freunde eher keine Menschen, mit denen man stundenlange Diskussionsrunden füllen kann.

Tagebuch – loslassen

Beim Thema Sucht hatte ich ja schon erwähnt, Dinge auszurangieren und  Sucht durch aufräumen ersetzen. Das gilt natürlich nicht nur mit den alltäglichen Gegenständen in der Wohnung, im Keller, in der Garage, auf dem Dachboden, in versteckten Nischen und den letzten Winkeln in den Schränken. Das gilt auch für die Gefühle, Gedanken, Empfindungen oder dumme Angewohnheiten.

Ganz besonders trifft uns der Verlust von Menschen, wenn Beziehungen zerbrechen oder Freunde, Verwandte sterben. Unser alltäglicher Dauerlauf im Alltagsstress sorgt dafür, daß wir kaum Zeit finden, uns regelmäßig mit Freunden und Verwandten zu treffen oder auszutauschen und plötzlich finden wir eine Todesanzeige oder eine Nachricht in unserem Postfach. Dummerweise ist es dann zu spät. Freundschaften und Beziehungen brauchen Jahre und wir brauchen immer wiederkehrende Treffen, bis Freundschaften entstehen.

Tagebuch – Sucht

Sucht und Gewohnheit läßt sich für mich nur schwer voneinander trennen. Jahrelang dachte ich, ich wäre süchtig nach Zigaretten und rauchte täglich über 30 Jahre. Dann stellte sich heraus, es war keine Sucht sondern die ständig wiederkehrende Routine nach ca. einer Stunde eine Pause von den banalen Alltagsdingen eine Pause zu machen und gemütlich an einer Zigarette zu nuckeln und sonst nichts wichtiges zu tun oder zu denken. Dazu kam der gräßliche Geschmack im Mund und der Nikotinspiegel im Blut. Ich hatte keine Wahl mehr: entweder die ständig kratzende Luftröhre im Hals zu ertragen oder endlich den Glimmstengel wegzulassen. Dann kam mir der Zufall zur Hilfe. Es ist mir gelungen, die Sucht nach der Zigarette durch eine andere wesentlich gesündere Sucht auszutauschen. Lustigerweise ist nicht nur mein Zigarettenkonsum gänzlich zurückgegangen, auch mein Kaffeeverbrauch ist deutlich gesunken. Stattdessen trinke ich jetzt Gesundheitstees. Der Wegfall des Nikotins hat verursacht, daß ich besser schlafe und schon morgens vor dem Wecker wach werde. Jetzt habe ich morgens zwei Stunden für mich ganz alleine – und zwar vor der Arbeit. Dadurch habe ich Gelegenheit, die Wohnung anständig zu lüften, mich ein wenig mit Yoga zu beschäftigen, Nachrichten zu lesen und im Bett etwas Radio zu hören. Der Tag fängt deutlich entspannter an, über die aktuellen Tagesthemen bin ich besser im Bilde und meine Figur ist auch besser geworden.

Die stündliche Routine an der Zigarette zu nuckeln habe ich ausgetauscht durch kleine nutzlose Besorgungsgänge im Büro, dann wird mal außer der Reihe die Spülmaschine ausgeräumt oder die Blumen bekommen einmal öfters Wasser. Zu Hause habe ich mir vorgenommen, jeden Tag ein nutzloses Teil auszurangieren und so aufzuräumen und Platz zu schaffen. Zeit ist Mangelware, dadurch habe ich kaum Zeit, an die nicht mehr vorhandenen Zigaretten zu denken. Der große Vorteil der Zigaretten ist, daß jedem bewußt ist, wie ungesund, unnütz und schädlich das Zeugs ist. Daneben gibt es noch Sucht, die nicht so leicht zu erkennen ist. Dadurch ist es noch schwieriger, ein solches Suchtverhalten zu ändern. Daher ist es wichtig, Sucht zu erkennen, zu verändern und einen Richtungswechsel in der Routine vorzunehmen.

Tagebuch – ein Jahr später

Obwohl nach dem ersten Teilabschnitt der Schock saß, zog ich ein Jahr später wieder los und kratzte tatsächlich ganze vier Wochen Urlaub zusammen. Bis dahin war das in meinem Job nie möglich gewesen, über ganze 28 Tage am Stück vom Arbeitsplatz fernzubleiben, aber der Camino hatte inzwischen einen so guten Ruf, daß meine Kolleginnen es zuließen und mich unterstützten. Diese vier Wochen waren dann mein ausführlichstes Caminoerlebnis, gerade diese lange Urlaubszeit sorgte dafür, daß ich nach dem Camino süchtig wurde, allerdings wurden mir diese Zusammenhänge erst vor kurzem klar.

Seitdem bin ich fast jedes Jahr auf irgendeinem Camino, allerdings ohne die Zielsetzung, zwangsläufig in Santiago anzukommen. Für mich sind auf meinen Caminos die Grenzerfahrungen wichtig, die jedesmal auf längeren Strecken auftreten.

  • ich lernte unterwegs absolutes Gottvertrauen, auch wenn mal was schiefgeht,
  • Auf dem Camino-Francés hatte ich die Panikattacke zu verarbeiten, im dreistöckigen Bettenturm in Viana ganz oben übernachten zu müssen, denn ich hatte Angst hinauszufallen,
  • außerdem lernte ich unterwegs, daß unsere Erziehung und alles, was wir im Leben so an Gewohnheiten lernen, absolut unwichtig ist und von anderen völlig anders gesehen wird (wir lernen quasi nichts wichtiges),
  • ein weiteres Jahr später lernte ich nichts nachhaltiges auf dem Camino, denn die Zeit war einfach zu kurz,
  • im Jahr darauf auf der Via Gebennensis lernte ich mit mir alleine klar zu kommen, denn der Weg war noch nicht so voll mit Pilgern wie heute

Insgesamt wurde klar, daß ich den Wunsch hatte etwas in meinem Leben zu verändern, nur hatte ich absolut keine Ahnung, was das war. Erst jetzt, also 15 Jahre später wird mir klar, daß es zwei wesentliche Punkte gibt ,die mich davon abhalten, etwas zu verändern:

Angst, daß mir jemand oder etwas wehtut

und das Festhalten an alten Gewohnheiten

Tagebuch – Die Erkenntnis, dass alles anders ist als geplant

Alexander von Humboldt

Auf meinem ersten Teil vom Camino kam ich nach sieben oder acht Tagen in Puente la Reina an und war schockiert. Überall waren Pilger und mein Wunsch nach einem vegetarischen Pilgermenü wurde belächelt, aber nicht erfüllt. Es gab Haxe und dass nicht zu knapp. Das Pilgerfeeling unter Spaniern war weg, plötzlich liefen überall Deutsche rum und die Herbergen waren 4x so gross.

Irgendwie stellte ich fest, das wär gar nicht mehr meins. Für mich endete meine erste Pilgererfahrung in Puente la Reina, ich setzte mich in den Linienbus von ALSA und fuhr zu meinem Auto. Weil ich noch genügend Zeit hatte, fuhr ich nach Lourdes und beendete dort meinen ersten Pilgerweg.

Das Erlebnis Lourdes war fast noch wichtiger als der eigentliche Pilgerweg. Aus heutiger Sicht war das die beste Entscheidung, denn das prägende Erlebnis möchte ich heute nicht mehr missen, denn dort erfuhr ich, dass mein Glaube an Gott als eine nicht definierbare Macht tatsächlich existiert und wir nur unsere Gedanken und Gefühle richtig lenken müssen, um die Kraft daraus zu schöpfen. Der Camino selbst und diese Pilgerstätte in den Pyrenäen hat für mich die wichtigste Veränderung gebracht: Vertrauen in die Zukunft, egal was passiert. Das gibt mir die Kraft jede Veränderung zu akzeptieren, auch wenn sie mir nicht gefällt.